Hilfen für gewaltbereite Jugendliche
Gespannt blicken wir nach Berlin, welche schwarz-gelben Weichen jetzt mit dem Koalitionsvertrag gestellt werden. Die Parteien mit der Analyse der Wahlergebnisse beschäftigt, es drehen sich die Personalkaruselle, neue Ziele werden gesteckt und alte Themen wandern erneut auf die Agenda. Auch ich habe Themen, die mich tief bewegen. Vergessen ist nicht, was vor der Bundestagswahl blankes Entsetzen und Ratlosigkeit ausgelöst hat, worüber wir angesichts immer neuer Meldungen zwingend nachdenken müssen.
„Für Zivilcourage von Randalierern Prügel eingesteckt“, meldet Pforzheim. So erging es auch dem Rentner im Münchner U-Bahnhof, der schwer verletzt wurde. „Tödliche Zivilcourage“, so wird die unfaßbare Gewalt an der Münchner S-Bahn-Station, die einen 50jährigen das Leben kostete, übertitelt. Totgeschlagen von zwei Jugendlichen, weil er Courage zeigte, weil er half als Hilfe nötig war - und weil er allein war. Nein, es ist nicht wie damals, 1992, da ging es um Zivilcourage angesichts brennender Asylheime. Heute geht es um Zivilcourage, die Menschen beweisen, sich schützend vor andere stellen und dafür mit dem Leben bezahlen.
Muss der Tod mit einkalkuliert werden, wenn man couragierte Hilfe gibt? Haben sich diese Frage auch die gestellt, die teilnahmslos dabei standen, zuschauten und nicht eingriffen, während Dominik B. zu Tode getreten wurde? Die Statistik sagt, dass die Zahl der Fälle exzessiver Gewaltanwendung von Jugendlichen eher ab- als zunimmt. Aber die Qualität der Gewalttaten verändert sich. Dass Jugendliche aus nichtigem Anlass plötzlich losschlagen und dass sie ein von „außen“ kaum zu kalkulierendes, tödliches Gewaltpotenzial entwickeln, ist oft Ergebnis eigener Gewalterfahrung. Viele Gewalttäter haben keine funktionierende Familie, ihnen wurden nie Normen und Werte vermittelt, es gab keine Strukturen im Alltag und Konsequenzen für ihr Tun. Viele sind zugleich ohne Perspektive und nie gefördert oder gefordert worden. Viele, aber nicht alle. Der Amokläufer, der in einer Schule wahllos auf Schülerinnen und Schüler einschießt ist unauffällig und angepaßt. Nichts deutet auf dieses Potenzial hin, er kommt nicht aus sozial benachteiligten Verhältnissen oder aus einer Unterkunft für Drogenabhängige. Die Ursachen für solche Gewaltausbrüche werden immer diffuser, schwerer zu greifen und zu bekämpfen. Der Ernst dieser Entwicklung läßt auch die Politik fernab jeder Polemik und Scharfmacherrhetorik agieren.
Einige wenige erliegen der Versuchung, Fragen des Strafrechts für schnelle und plakative Botschaften zu mißbrauchen. Mit einseitigen Maßnahmen sind Spontan-Exzesse nicht zu verhindern. Davon lassen sich Totschläger nicht abschrecken, denn auf dem Gipfel ihrer Aggression denken sie nicht an Konsequenzen. Vielmehr stelle ich fest, dass Urteile gegen junge Straftäter noch immer zu schleppend vollstreckt werden und so die „Warnschussfunktion“ verfehlen. Die gesetzlichen Möglichkeiten für den Umgang mit straffälligen Jugendlichen sind absolut ausreichend, doch Sanktionen sind oft schwer zu vollstrecken, weil es der Justiz an geeigneten Arrestplätzen und an Erziehungseinrichtungen für junge Straftäter fehlt. Möglichst langes Wegsperren ist keine Lösung. Lebenslagen und Schicksale sind beeinflussbar, Neuorientierungen des Verhaltens sind gerade im Jugendalter immer möglich. Aber sicher nicht mittels eines härteren, sondern nur mittels eines besseren Jugendstrafvollzugs, der die Chancen der Jugendlichen auf soziale Teilhabe nicht vermindert, sondern vermehrt. Das „Seehaus“ in Leonberg ist solch eine Einrichtung für junge Gefangene.
Als erstes Bundesland führte Baden-Württemberg „Jugendstrafvollzug in freien Formen“ ein. Es ist weder Kuschelpädagogik noch Erziehungscamp. Die Jugendlichen leben jeweils in einer Hausfamilie und lernen so oft zum ersten Mal ein funktionierendes Familienleben kennen. Hausputz, Schule, Arbeit, Sport, Berufsvorbereitung, gemeinnützige Arbeit, Täter-Opfer-Ausgleich, soziales Training sowie die Vermittlung christlicher Werte und Normen sind fester Bestandteil des Konzepts. Alle, die das Projekt erfolgreich abschließen konnten, fanden einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, da sie im Seehaus Leonberg Sozialverhalten gelernt und Arbeitstugenden eingeübt haben. Wer einmal dort war, der wünscht sich mehr solche Einrichtungen.
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