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Presse
11.06.2010, 09:34 Uhr | Kolumne "Das Wort hat..." Backnanger Kreiszeitung Übersicht | Drucken
Herbst im Frühling?

Der Herbst ist die Zeit, in der wir ernten und die Blätter fallen. Angesichts der jüngsten Meldungen könnte man meinen, dass wir uns derzeit nicht im kalendarischen Frühling befinden, sondern bereits im Herbst angekommen sind. Wir ernten was wir säen? Streichen, kürzen, kappen ist angesagt, damit Deutschland den Weg aus der Schuldenkrise findet, zuletzt verursacht durch die Wirtschaftskrise und die Milliardenverluste, die uns Spekulanten und Profiteure bescherten. Durchaus selbstkritisch möchte ich hier anmerken, dass auch wir Politiker unseren Teil zur aktuellen Situation der öffentlichen Haushalte beigetragen haben. Das größte Sparprogramm der deutschen Geschichte steht an. Mit einem milliardenschweren Sparpaket gilt es nun in den nächsten Jahren den Bundeshaushalt zu konsolidieren.


Schon scheint vergessen, was vor einigen Tagen geschah, etwas in dieser Republik noch nie Dagewesenes: Der Bundespräsident trat mit abrupter Geste zurück. Wenn unsere Republik in ihren einundsechzig Jahren einen ruhenden Pol hatte, dann war es ihr Präsident: stets verkörperte er Kontinuität. Wie auch immer Horst Köhlers Rücktritt motiviert war – für mich stellt er etwas Ungeheuerliches dar. Er war ein Akt des Bruchs, nach dem man – auch aus Achtung vor diesem höchsten Amt im Staate – nicht einfach routiniert zur Tagesordnung übergehen darf. Doch genau das ist geschehen: Ungerührt wurde schon tags darauf darüber gesprochen und geschrieben, als sei das Amt des Bundespräsidenten ein Appendix, dem weder Achtung noch Respekt gebührt. Es wird die Besetzung zu einer Stellenrochade: A wird B, damit B dann C und C wiederum D werden kann? Warum wurde kein Gedanke darauf verschwendet, dass es gut und hilfreich und dem Vertrauen der Bürger zuträglich sein könnte, in einer für Deutschland ohnehin nicht einfachen Lage einen Kandidaten zu finden, dessen Nominierung dann nicht lediglich ein Akt darstellt, das so plötzlich verwaiste Präsidentenamt zu füllen? Ich hätte mir gewünscht, dass trotz der Eile, die geboten ist, auf das Drama der Woche mit Ernst reagiert und zumindest den Versuch unternommen worden wäre, das Amt in einer Art neu zu besetzen, die mit der Würde und dem Respekt, die dieses Amt verdient, gut vereinbar ist. Die Berliner Koalition hat sich auf Niedersachsens christdemokratischen Regierungschef Christian Wulff (51) als Kandidaten für die Nachfolge des zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler geeinigt, die rot-grüne Opposition geht mit Joachim Gauck (70) ins Rennen. Die Linken haben die 74jährige Luc Jochimsen für das höchste Amt im Staat nominiert.
 
1244 Wahlmänner und –frauen wählen am 30.6. den neuen Bundespräsidenten. Und sie sind in ihrer Entscheidung ihrem Gewissen verpflichtet. Unzweifelhaft sind es mit Christian Wulff und Joachim Gauck zwei respektable Kandidaten.
 
Christian Wulff, der lange auf aus-sichtslosem Posten gegen Gerhard Schröder um das Amt des Ministerpräsidenten gekämpft hatte und sein Bundesland vorbildlich regiert. Als Berufspolitiker ein Mann des Maßes und bei den Bürgern seines Landes beliebt. Die Mitte in Person.
Joachim Gauck, der frühere Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, nicht nur Zeitzeuge einer Zeit des Umbruchs und Mitgestalter, sondern auch Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land.
 
Ein Bundespräsident oder eine Bundespräsidentin sollte ein Mensch sein, der authentisch vor uns steht. Jemand, der weiß, was es heißt, alle zu repräsentieren: die Reichen und Armen, die Zuversichtlichen und die Besorgten. Es sollte ihm oder ihr gelingen, den Menschen wieder Vertrauen für ihr Land und in die Demokratie zu geben. Ein Bundespräsident/in muss die Menschen zum Mitmachen bewegen, sollte auch alle mit seiner Sprache erreichen. Er oder sie entfaltet vor allem seine Wirkung, wenn die Menschen Orientierung brauchen.
 
Ob dieser dann den Menschen in Deutschland einen neuen Frühling beschert oder einen goldenen Oktober, bleibt zu hoffen.


Ihr Wilfried Klenk MdL

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