Gemeinsam lernen
Wer die vergangenen Jahrzehnte der deutschen Schulentwicklung resümiert, kann nicht zufrieden sein. Die Mehrheit der Länder in Deutschland hat sich bei unzähligen Reformen weniger den Lerninhalten und mehr der Inthronisierung der Schüler zugewandt. Dem Lehrer wurde die Moderator- rolle verordnet, während der administrative Schulbetrieb immer aufwändiger wurde. Im Ergebnis brachte dies über die Jahre immer unzuverlässigere Qualifikationen, unpräzisere und oberflächlicher ausgebildete Schulabgänger. Für den Start ins Arbeits- und Erwachsenenleben fehlt immer mehr.
Bildung und Lernen ist keine zuvorkommende Serviceleistung für einen Kundenkönig, sondern anstrengendes Üben. Der Leser mag sich an dieser Stelle an seinen eigenen Bildungsweg erinnern und weiß das aus der Erfahrung, dass wir lebenslang lernen müssen. Immer wieder muss man sich auf etwas Unbekanntes einlassen, das in den vertrauten Kreis der erworbenen Fähigkeiten einbricht. Lernen bedeutet immer eine Herausforderung für das eigene Ich. Und weil das Wissen keine flache Welt ist, bilden sich bereits in der Schule frühe soziale Unterschiede. Je höher sich in modernen Zeiten Berge erheben, desto ungleicher wird die Neigung junger Menschen, sich dem Lernen zu unterwerfen. Und keine Gesellschaft hat die Mittel, um alle auf höchstem Niveau auszubilden. Die Konsequenz daraus ließ ein gegliedertes Schulsystem bilden. Es ist also wahrlich kein Relikt aus alten Zeiten, sondern aktuell notweniger denn je.
Eigentlich wäre doch jetzt, nach einer langen Periode bildungsferner Reformen eine Rückkehr zur Stärkung des Lernens geboten. Und eine Auseinandersetzung mit der Frage, worin das Lernen der Sache nach eigentlich besteht. Doch Hamburg veranstaltete eine neue Runde im alten Geist. „Gemeinsam lernen“: Ob in Berlin, Hamburg oder in NRW, überall soll die Zahl der Schulstufen verringert werden und die Schüler sollen länger zusammengehalten werden. Doch diese Form dessen was „gemeinsam lernen“ meint, steuert am Ziel völlig vorbei. Wie sollen denn Schüler mehr Substanz erwerben? Sie können doch auch nicht voneinander lernen, was ihnen das Bildungssystem insgesamt vorenthält. „Gemeinsam lernen“ ist eine zynische Devise. Das längere gemeinsame Lernen soll mehr individuelle Förderung bringen. Wie bitte? Wenn man mehr unterschiedliche Schüler zusammensteckt, wird die Chance für individuelle Betreuung besser? Im großen Einheitstopf leiden meiner Meinung nach alle Schüler. Es sind gerade die Stufungen des Schulsystems, die der Vielfalt der Lernenden entgegenkommen und individuelles Fördern zulassen. Die Befürworter der Primarschule glauben, mit der Macht von Suggestivformeln Eltern, Lehrer und Schüler vom Gebrauch der eigenen Vernunft abhalten zu können. Dass die Welle der Schuleinebnungen durch das kluge Volk in Hamburg gebrochen wurde, ist eine Bestätigung für den baden-württembergischen Weg.
Hierzulande gibt es bereits ein längeres gemeinsames Lernen, aber nicht nach hinten, sondern vom Kindergarten an. Die pädagogische Förderung schon im Vorschulalter ist ein wichtiger Ansatz, um gleiche Startchancen für alle Kinder zu schaffen. Ab dem kommenden Kindergartenjahr werden deshalb rund 3.000 Gruppen im Land eingerichtet, die Kinder fördern, deren Sprachstand bei der Einschulungsuntersuchung im vorletzten Kindergartenjahr Defizite aufweist. In 33 sogenannten Bildungshäusern für drei- bis zehnjährige Kinder wird eine intensive Zusammenarbeit von Grundschulen und Kindergärten erprobt und wissenschaftlich begleitet. Nicht ohne meine Eltern Es ist Zeit, dass die Bildungspolitik auf umstrittene, überflüssige Struktureingriffe verzichtet und sich auf ihre wichtigsten Handlungsfelder “Bilden und Lehren“ konzentriert, damit Schulen, Lehrer und Schüler endlich ihre Arbeit machen und gemeinsam lernen können.
Ich sehe die Aufgabe des Staates nicht darin, vorhandene Unterschiede zu nivellieren, sondern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass jeder entsprechend seinen Begabungen und Neigungen frühzeitig individuelle Bildung erhält. Und die beginnt vorrangig immer noch im Elternhaus. Nur da, wo Kinder auch ihr Zuhause als lebendigen Lebensraum erfahren, sich angenommen, unterstützt, ernst genommen und getragen fühlen, können sich Talente und Lernfähigkeit entwickeln und ausbilden.

Ihr Wilfried Klenk MdL
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